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Kulinarisches Kino

Lirum, larum, Löffelstiel – lernt man auch aus Filmen viel?

Wenn ich an Essen und Kino denke, fällt mir spontan Popcorn ein. Auf dem Tresen, dieses leise Brutzeln, dann das rhythmische Knallen, erst wenige, dann immer mehr – im rauschenden Prasseln, begleitet durch den unverkennbaren Röstgeruch.

Im Sammelband Kulinarisches Kino. Interdisziplinäre Perspektiven auf Essen und Trinken im Film geht es weniger um Essvorgänge im Kinosaal als um solche auf der Leinwand. Die Soziologen und Herausgeber Daniel Kofahl, Gerrit Fröhlich und Lars Alberth erforschen Narrative des Essens im Film, um damit Rückschlüsse auf Ernährungsethik, Nahrungsmittelproduktion und Kochkunst zu ziehen.

Der Inhalt des Bandes gliedert sich in drei Teile: „Kulinaristik und Cineastik als kulturelle Leistungen“, „Ernährung zwischen Vergesellung und Vergemeinschaftung“ sowie „Ernährung und Entgrenzung – diesseits und jenseits des Menschlichen“.
Der erste Teil widmet sich Inszenierungspraktiken der Zubereitung und Zusichnahme von Essen im Film. Irene Schütze beispielsweise untersucht mittels Gegenüberstellung von Eat Drink Man Women und The Chinese Feast die Transformation von traditioneller und extravaganter chinesischer Kochkunst im Medium Film. Thomas Struck berichtet aus seiner praktischen Erfahrung als Filmemacher, Lehrender und Kurator. Und Daniel Kofahl nimmt Tampopo zum Anlass, den Gewinn aus reflexiv-sinnlichem Genuss, einem ernährungswissenschaftlichen Gesundheitsregime und hochkultivierten Essenspraktiken gegenüberzustellen.

Der zweite Teil des Buches untersucht die sozialen Beziehungen, die bei der Zubereitung und dem Verzehr von Nahrungsmitteln zwangsläufig entstehen. Gerrit Fröhlich versucht, Essen in Bittersüße Schokolade als Ersatzsprache für Liebe und Sexualität zu analysieren. Benedikt Jahnke nimmt Zimt und Koriander zum Anlass, Kochen als identitätsstiftenden Erinnerungskultur einer Familie im Exil zu untersuchen. Körperliche Gender-Rollenbilder in Produktion, Zubereitung und Verzehr von Lebensmitteln beleuchtet Lars Alberth anhand Eine Komödie im Mai. Einen gouvernementalem Disziplinierunsanspruch (Foucault) an den Körper attestiert Nicole Wilk der christlichen Kinderserie Veggie Tales in ihrer semiotischen Analyse.

Der dritte Teil zeigt Grenzüberschreitungen, die Rückschlüsse auf den allgemeinen Konsens legitimer Nahrungsaufnahme schließen lassen. Lea Gerhards stellt fest, dass sich Vampire in Filmen wie Twilight fortwährend zivilisieren. Petra Köster und Christoph Klotter gehen in ihren Beiträgen auf das Thema Kannibalismus ein. Während Köster anhand des Films Delicatessen das Konfliktpotential illustriert, das entsteht, wenn zivilisatorische Strukturen und Handlungen außer Kraft gesetzt sind, nimmt der Ernährungspsychologe Klotter Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber als Beispiel für eine mediale Inszenierung von Filmbildern, die voneinander abhängig sind. Diese zueinanderstehenden Beziehungen benötigten im Medium Film aber nicht unbedingt eine Erzählstruktur.

Innerhalb dieser drei Teile werden übergreifend und exemplarisch zwei Kerndebatten geführt, die den Fokus auf Narrative des französischen Autorenkinos der 1970er Jahre richten: La Grande Bouffe (Das Große Fressen) und L’aile ou la cuisse (Brust oder Keule). Diese Schlüsselwerke offenbaren den inhärenten Widerspruch des Themas Essen: Auf der einen Seite ist es ein zutiefst genussvoller Akt, auf der anderen Seite unterliegt es technokratischer Normierung und politischen Interessen.

Während der Philosoph Robert Pfaller in der Debatte um die Grenzüberschreitung in La Grande Bouffe den strikt passionierten Genuss lobt, der entgegen rational humaner Vorschriften und mit Todeszuversicht für ein furchtlos gutes Leben steht, betont die Soziologin Judith Ehlert, dass dieser Film bereits damals die global unausgewogene Agrar- und Ernährungspolitik kritisiere. Sie deutet die Filmszenen im Kontext entwicklungssoziologischer Argumente und folgert, dass er so ein hochaktuelles, ungelöstes Problem thematisiere. Der Polymerforscher Thomas Vilgis nutzt L’aile ou la cuisse, um aus Sicht der Nahrungsmittelproduktion die filmischen Inszenierungspraktiken des Phänomens Essen und seinen Wandel provokativ zu untersuchen; er verweist auf die spezifischen, verfahrenstechnisch legitimierten Produktionslogiken solch massenhaft erzeugter Nahrung, die mit tradiert kulinarischer Handwerkskunst nicht umsetzbar wäre, und deren Erfolge in der Steigerung von alltäglicher Essensqualität und breiter Verwertung von Rohstoffen begründet liegt. Susan Gross und Janine Legrand versuchen zuvor zu betonen, dass dieser Film nach wie vor das Standardwerk bleibt, wenn es darum geht, den Wandel von einer produktiven Koch- zu einer konsumptiven Speisegesellschaft zu veranschaulichen. In ihrer Kritik am Massenmarkt verfallen die Autorinnen meines Erachtens zu sehr in herkömmliche Klischees und verfehlen damit eine zeitgemäße Argumentation.

Ein abschließender Blick durch das designwissenschaftliche Teleskop

Insgesamt ist der Band durch seine Interdisziplinarität für ein breiteres Publikum gedacht, jedoch wird seine Lesbarkeit durch die über weite Strecken sehr wissenschaftliche Sprache erschwert.  Dahingegen zeigt der Beitrag von Peter Peter (sic!) mit seiner bewusst bildhaften und sinnlichen Erzählweise, wie es auch anders gegangen wäre.

Dieser Sammelband ähnelt einer Collage, die sich dem Konsumgut Nr. 1 aus unterschiedlichen Perspektiven annähert. Geschmack und rituelle Handlungen der Produktion, Zubereitung und dem Verzehr von Nahrungsmittel werden dabei beispielsweise als individuelle Präferenz und kollektives Gedächtnis, Erinnerungspraktiken, erzieherische Maßnahme, körper- sowie beziehungsbestimmend und als Grenzüberschreitung klassifiziert. Filme werden dabei beispielhaft zu narrativen Abbildungen von Kultur konstruiert. Sie werden zur Grundlage, um auf soziale Praktiken und kulturelle Kodierungen der Realität zu verweisen. Darin überzeugen auch die vorliegenden Beiträge und eröffnen die Diskussion um Narrative des Essens, die historisch in anderen Disziplinen und im intermedialen Vergleich Anschluss finden können.

Insgesamt wird der Ästhetik des Mediums Film leider nur marginal Beachtung geschenkt, da lediglich die Darstellungsform der Erzählung beachtet wird. Dass Essen im Film aus seiner üblichen gustatorisch-olfaktorischen Sinnwelt herausgenommen wird und zu einer linearen, audio-visuellen Inszenierungen führt, wird nur im ersten Teil ansatzweise beleuchtet. Wie stehen aber das sinnliche Erleben von Essen und das Darstellen von Essen in Relation? Ein Verfahren, wie beispielsweise das Notationsprotokoll zur Bild-Sprache von Gesche Joosts, könnte der Auswertung einer  audio-visuellen Rhetorik von Essen im Film dienen und damit Rückschlüsse auf filmische Inszenierungspraktiken ermöglichen. Welche Art der Bildanalyse ist beispielsweise mit Rudolf Arnheim möglich, welche ästhetische Wahrnehmung ergibt sich aus der Aufschlüsselung von Kompositionen aus Form und Farbe, Raum und Licht, Bewegung und Gleichgewicht? Welche Folgerungen zum Bewegungs- und Zeitbild (Gilles Deleuze) lassen sich durch Raumpositionen, Kamerablick und Handlungsketten ziehen?

Außerhalb des Filmmediums könnten Inszenierungspraktiken und Repräsentationsbilder von Ernährung, Kochen, Speise und Tischkultur intermedial und interdisziplinär untersucht werden, um sie in einer historischen Bildtradition zu verorten und damit ästhetische und politische Wirkmächte, Handlungsmöglichkeiten und strukturelle Ausformungen zu erschließen.

Letztlich bliebe die Frage zu diskutieren, welche Differenzen von Kulturpraktiken und Bildern des Essens sich entwickeln; und vor allem, wie sie sich in unterschiedlichen Medien, in deren jeweiliger Eigenlogik weiterentwickeln – unabhängig von der real-sinnlichen und materiellen Nahrungsaufnahme?

Hier bleibt Raum für einige weitere Publikationen. Und während wir darauf warten, empfehle ich: Orangentarte und einen Latte Macchiato.

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