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Kritik Newcomer: Jäger der verlorenen Einheit

Die Entwicklungen und Bemühungen, Designtheorie als integralen Bestandteil der Disziplin Design zu etablieren, sind vielerorts Realität  – oft aber eben auch nicht, wie zum Beispiel in meiner Ausbildung. Ich habe den Eindruck, dass in vielen Köpfen Designpraxis und Designtheorie völlig verschiedene Felder  bearbeiten. Auf den Konferenzen und Symposien sitzen meist diejenigen, die es eh interessiert, viele der sogenannten Praktiker würden dort nie auftauchen. Trotz eines Diskurses der nie exklusiv oder arrogant war, hat sich ein gewisses Lagerdenken eingeschlichen.
Auf der einen Seite stehen die handfesten Macher auf der anderen Seite all diejenigen, deren ästhetisches Potential eben doch nicht für die ganz großen Messeauftritte gereicht hat. Was bleibt da noch, außer dem Rückzug in Bücher und endlose Ablaufdiagramme? Könnte man polemisch fragen.Doch jede Zweiwertigkeit entsteht aus einer verlorenen Einheit.

Warum fällt es so schwer, Praxis und Theorie als eng verzahnt zu sehen? Ich denke das Problem ist zu weit größeren Teilen psychologischer Natur, als man annimmt.  Zum einen ist Theorie ganz klar sperriger als ein hübsches Möbel. Man muss viel Zeit mit ungenießbaren Ausführungen längst verstorbener Philosophen verbringen und weiß eigentlich nie genug. Aber das ist im praktischen Industriedesign nicht viel anders nur dass die Bücher hier Maschinenhandbücher sind. Nur daran kann es nicht liegen.

Ich fürchte, viele Gestalter haben tatsächlich den Eindruck, Designtheorie würde ihnen irgendwo reinreden wollen. Und der Genius lässt sich nicht einschränken und durch methodisches Denken berechnen! Regeln, das haben wir kleinen hyper-individualistischen Postmodernisten gelernt, sind da um sie zu brechen. Und da Theorie wohl immer so etwas wie eine Handlungsanweisung oder Regel liefert, auch wenn diese flüchtig ist – macht sie Angst. ‚Designtheorie’, da schwingt gleich wieder der Zeigefinger mit, der uns erklärt was gut und schön ist. Vielleicht wird hier vorschnell ‚Theorie’ mit ‚Ideologie’ verwechselt, vielleicht wird aber auch nur die gängige Messlatte des lösungsorientierten Denkens aus der Praxis angelegt. Die Verdachtshaltung, Theorie wolle nur belehren, wird dann schnell zur selbst erfüllenden Prophezeiung.

Ein Blick in die verpönte Wikipedia Datenbank verrät mir, das Theorie altgriechisch ist und im Kern Anschauung, Überlegung, oder Einsicht heißt. Anschauen, betrachten, überlegen, dass sollte eigentlich in jedem Entwurfsprozess an erster Stelle stehen. Zudem möchte ich zum Beispiel mit Menschen die sich kategorisch jeder Einsicht verweigern beruflich oder privat nichts zu tun haben. Allerdings wird hier auch betont, dass Theorie so ziemlich das Gegenteil von Praxis sei.

Was sicherlich auch für Blockaden sorgt sind die Klischees der Praktiker über die Werkzeuge der Theorie: dicke Wälzer, verquarzte Formulierungen, farblose Grafiken. Menschenleere Bibliotheksgänge. Aber Theorie ist in erster Linie ein Dialog, ob mit sich selbst oder anderen. Ob unter Designern oder mit ganz anderen Berufen. Eine Methode des Abstands und der Reflexion, egal mit Hilfe welcher Medien das stattfindet. Auch hier steht vielleicht eine Erwartungshaltung im Raum die Theorie müsse konkrete Ergebnisse liefern. Die Akzeptanz unter den Praktikern muss sich wohl daran messen, wie entscheidend die Gedanken für tatsächliche Produkte sind. Genau hier ist aber das Zusammenspiel gefragt, für das die kategorische Zweiteilung ausgesprochen hinderlich ist.

Jedoch scheint die Integration von Theorie und Praxis nicht der Plan von ein paar Denkwütigen zu sein: Schaut man sich die Stellenangebote von international agierenden Büros an, fallen die vermehrten Gesuche nach Design-Researchern, Designstrategen und Konzept-Designern auf. Klingt alles ziemlich theoretisch.

Jede Schlichtung zwischen dem ungleichen Begriffspaar scheint unmöglich. In der Unterscheidung zwischen Theorie und Praxis steckt nämlich auch deshalb eine Menge Sprengkraft, weil sie ein Bild herbeiruft, das als Abgrenzungsmechanismus in jeder Gesellschaft seit Jahrhunderten bestens funktioniert hat: die Trennung zwischen Handwerkern und Gelehrten. Das mag hart klingen, aber in diesem Hinblick wird bereits die Uni zu einem Mikrokosmos, in dem sich genau diese Unterscheidung vollzieht. Entsprechend sind die Vorurteile: Die arroganten Theoretiker, die sich für klüger halten – und die ungebildeten Handwerker, die nur Stühle und Lampen basteln wollen. Beides ist genauso großer Schwachsinn wie es wahr ist. Schwachsinn, weil es groteske Klischees sind und wahr, weil im Konkurrenz-Kosmos Design Differenzierungen immer gelegen kommen. Personen, die diese Vorurteile bestätigen, lassen sich zu dem garantiert finden, das haben Vorurteile nun mal so an sich. Doch das führt nicht weiter.

Design erschien mir im Laufe meines Studiums immer mehr als Vermittler zwischen Ist- und Soll-Zustand. Für beide Größen benötigt man eine Methode zur Bestimmung. Viele der Mechanismen, die in jedem Entwurfsprozess enthalten sind, lassen sich ohne weiteres als ‚theoretische Methoden’ bezeichnen. Warum sie nicht richtig schulen, damit ein besseres Verständnis darüber entsteht, wie es war, wie es ist und wie es sonst noch sein könnte? Was müsste passieren, um dieses Potential noch weiter zu vermitteln und nicht eine abgeschottete Paralleldisziplin namens ‚Designtheorie’ herbei zu zaubern?

Es wird wenig überraschen wenn ich den Schlüssel in der Lehre sehe. Bereits im Grundstudium müssen Projekte vermittelt oder vorgestellt werden, die zeigen wie analytische Grundlagenforschung zu besseren Produkten geführt hat. Beispiele gibt es zu Hauf: aus der Semiotik, der Ethnographie, der Psychologie, dem anrüchigen Neuromarketing… Und auch an Büros, die zeigen können das Theorie eben nicht nur Theorie ist, mangelt es nicht. Dass das alles keine Disziplinen sind, die von Designer selber erforscht wurden, halte ich zunächst für verkraftbar.

Und ganz zentral sollte Schreiben und Lesen einen gewissen Platz einnehmen. Keine toten Philosophen sondern aktueller Designjournalismus. Den muss man suchen, aber es gibt ihn. Denn vor der Zeichnung kommt das gesprochene oder geschriebene Wort. Die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft in der Design zwangsläufig entsteht. Information, in Formation bringen. Genau wie Clay-modelle nehmen auch Gedanken erst Gestalt an, wenn man sie formt – dann gibt es eine gewisse Vorstellung davon was Designtheorie macht. Und es wird allen auffallen, dass das ja gar nicht so weit weg war, wie sie immer dachten.

 

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Ein Kommentar


    Warning: Use of undefined constant mytheme_comment - assumed 'mytheme_comment' (this will throw an Error in a future version of PHP) in /kunden/555655_10439/webseiten/wp-content/themes/twentyfourteen-designkritik/comments.php on line 91
  1. René Spitz,

    Guter Beitrag!