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Hartz IV Möbel.com konstruieren statt konsumieren

 

Le Van Bo ist ein Sympath. Der smarte Mittdreißiger ist begehrt auch bei Mainstream-Medien. Er erzählt sie also oft, die Geschichte seiner laotischen Abstammung, seiner Mutter die als er 14 Jahre alt war die Familie verließ um buddhistische Nonne zu werden. Von seiner Jugend als Sprayer und den Freunden, die ohne Perspektive und Chance auf die schiefe Bahn gerieten. Von seiner bewussten Entscheidung für einen anderen Weg, der ihn schließlich zum Architekturstudium führte. Le Van Bo redet nicht nur über Entwicklungschancen, er tut auch was: Seit Jahren engagiert er sich für Kinder in den Problembezirken Berlins, initiiert Vorträge mit Identifikationsfiguren an Schulen. Seine Message: Die Möglichkeiten, sich erfolgreich zu verwirklichen seien grenzenlos, man müsse sie nur ergreifen.

Aber warum die Entscheidung für “Hartz IV-Möbel” als unsägliche Bezeichnung eines Do-It-Yourself-Projektes? Dafür gibt Le Van Bo eine einfache Erklärung ab: Er suchte nach der größtmöglichen Aufmerksamkeit und “Hartz IV” sei einfach mittlerweile zur Angst-Catchphrase für Abstiegsgefährdete geworden. Und “Möbel”, tja, die Deutschen richten sich halt gerne ein.

Abkopplung mit Stimmungsware

Dieses Zielgruppenmarketing holt in der Abstiegsgesellschaft jene ab, die momentan aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft statusmäßig ins Schwimmen kommen. Längst nicht mehr garantieren Tugenden wie Fleiß, gute Ausbildung und gutes Benehmen die Subsistenz. Die Abkopplung von gesellschaftlicher Relevanz, so fühlt es sich an, kann jederzeit geschehen und jeden betreffen. Und wer nicht konsumieren kann, ist gesellschaftlicher Abfall, wie es der Soziologe Zygmunt Baumann formuliert. “konstruieren statt konsumieren” bietet einen scheinbaren Ausweg aus der Krise – und neue Statusformate.

Rebellion gegen eine solche Gesellschaftsordnung steht nicht auf dem Programm, besonders nicht bei den AltersgenossInnen Le Van Bos. Und wie sollten sie auch rebellieren? Zeichen und Methoden von Rebellion sind längst nicht mehr zu unterscheiden von der Eventkultur des Marketing. Allenfalls die Verweigerung von Konsum hat rebellisches Potential. “Konstruieren statt konsumieren”, der Titel des eben bei Hatje-Cantz erschienen Buches von Le Van Bo und seiner “Crowd” (also allen per Social-Media organisierten AnhängerInnen) gibt immerhin so etwas wie eine Anleitung zum Konsumverzicht beim Wohnen.

Möbel sind seit Ikea & Co. Konsumartikel, Stimmungsware mit hoher Umschlagrate und kurzer Nutzungszeit. Van Bo hingegen arbeitet mit der emotionalen Bindung zu den Gegenständen die man selber baut. Es geht um Möbelbau auf einfachstem Niveau: das Design ist von der Moderne inspiriert und die günstigen Zutaten stammen aus dem Baumarkt. Die sozialen Funktionen von Möbeln hat Van Bo bereits mit der Planung einer Musterwohnung in Berlin erklärt, die bestückt mit multifunktionalen Selbstbaumöbeln ist. Wer einen Tisch hat, kann sich mit Leuten dransetzen.

Bücher nicht auf Zuruf

Mittlerweile hat sich eine begeisterte Community um den Berliner gebildet, die die Produktion kultureller Zeichen vorantreibt. Das Ergebnis auf der Oberfläche: Bilder glücklicher HeimwerkerInnen mit den Möbeln der Kollektion. Unter anderem war es auch die Community, die sich vorwiegend über Social-Media verständigt, die das Buch “konstruieren statt konsumieren” wünschte, das übrigens keine kompletten Bauanleitungen enthält, sondern überwiegend Skizzen und Erlebnisberichte vom Bauen. Das Buch entstand so: Unterschiedliche Aufgaben mit relativ geringem Zeitaufwand wurden verteilt und setzten sich unter der Regie von Le Van Bo, der übrigens Vollzeit als Konzepter in einem Architekturbüro arbeitet, zu “konstruieren statt konsumieren” zusammen.

Die gemeinschaftliche Produktion eines Buches funktioniert bekanntermaßen nicht über einfaches Rufen nach Mithilfe: Jedem eine einfach zu bewältigende Aufgabe anzubieten, Entscheidungen auf überschaubare Abstimmungen auf Facebook herunter zu brechen, und persönlich der Dreh- und Angelpunkt der Kommunikation zu sein, ist die Herausforderung dabei. Genau diese Aufgaben gehören zu den großen Talenten Van Bos. Der sorgt auch mit unglaublichem Elan dafür, das jedes erzeugte Artefakt eine bereits mitbedachte Zweitnutzung bekommt, beispielsweise die Versandverpackung des Buches als Bilderrahmen.

Praxistauglich ≠ theoriefreundlich

In einem separaten Teil des Buches erklärt Le Van Bo die Theorie eines Modells der “Karma-Economy”: Tausch von Material, Bildern, Zeichen, Zeit und Aufmerksamkeit. “Geben und Nehmen”, sagt Le Van Bo, ist ihm besonders wichtig. Von “Heldentum” also freiwilliger Großzügigkeit grenzt er sein Modell der “Karma-Economy” sorgfältig ab. Was Alternativen zu Konsum schaffen will, hört sich dann stellenweise plötzlich wie ein Ratgeberbuch für Jungmanager an.

Und dieser Text ist für mich bei einer insgesamt großen Sympathie für das Projekt der Schwachpunkt des vorliegenden Buches. Das Vorrechnen der Vorteile einer Tauschkultur abseits des Geldes ist gut; wenn die Nomenklatur dann aber zu Begriffen wie “Crowd-Marketing” und “Push-Pull”-Prinzipien kippt, möchte man lieber wieder zurück an die Werkbank oder gar in die Kneipe, um per Totalverweigerung der Ökonomisierung der Freizeit zu entgehen. Aber das sind Formulierungs- und Abgrenzungsprobleme, die ein Projekt wie das von Van Bo allein zwar nicht leisten muss, angesichts seiner Verbreitung aber vielleicht langsam mal angehen sollte.
Tausche Glückliches Gesicht gegen Bauanleitung
Kritik an dieser Politik gibt es zuhauf, beispielsweise: “designification of poverty” (Designifizierung der Armut), wie es ein Forenkommentar ausdrückte und meint damit den allzu strategisch-naiven Einsatz von Begriffen wie Hartz IV im Zusammenhang mit Wohnentwürfen und Einrichtungsideen.

Die Grenze zwischen der Inspiration der Massen zum Abschütteln der passiven Konsumentenrolle und dem happy in die Kamera lächelnden Crowd-Dasein ist ziemlich dünn. Die Glücksversprechen vom Wohnen in der “richtigen” Umgebung und dem “richtigen” Lebensprinzip und sogar den “richtigen” Hobbys ähneln bei “konstruieren statt konsumieren” jedem anderen Werbeformat. Alternativen zu Konsum zu schaffen könnte sich auch bedeuten, alternative Formate zu allzu weichgespülter Sprache zu erfinden.

Dekonstruieren statt konsumieren?

Mittels Selbstironie und einer weniger glatten und expansiven Medienpräsenz könnte das gelingen, das beweist die kongeniale Buchgestaltung durch anschlaege.de, die zeigen, dass man mit Arial eine Menge anstellen kann. Van Bo hat den Massen gezeigt, dass Design politisch ist, dass der Entstehungsprozess von Objekten politische Relevanz besitzt. Inwiefern man dadurch auch zu einer kritischen Haltung kommt, sei dahin gestellt.

Van Bo Le-Mentzel

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