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Der Verzicht auf Vergangenheit

Designgeschichte und der Verzicht auf Vergangenheit

Das universitäre Fach der Designgeschichte ist in Deutschland vom Aussterben bedroht. Die ehemalige C4-Professur für Geschichte und Theorie des Design an der Bauhaus-Universität Weimar ist seit 2011 vakant. An der Kunsthochschule Saarbrücken hat Prof. Dr. Rolf Sachsse, Professur für Designgeschichte, bereits das Pensionsalter erreicht. An der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle werden – neben der Designtheorie – fachübergreifende Seminare zu Design- und Architekturgeschichte angeboten. Der Trend, Designgeschichte mit Architekturgeschichte, Kunstgeschichte und anderen kulturhistorischen Fächern zu verbinden, mag Geld einsparen, hilft aber keiner der Einzeldisziplinen, schon gar nicht in der Forschung, die fachliche Spezialkompetenz erfordert. Das bringt Wissensnachteile nicht alleine für die praktischen Studiengänge mit sich, es erschwert zudem die postgraduale wissenschaftliche Weiterbildung etwa zum Ph.D. in diesem Fach. An den ehemaligen Fachhochschulen sieht es nicht besser aus.

Anfang 2014 wurde Prof. Dr. Gerda Breuer, 18 Jahre lang Professorin für Kunst- und Designgeschichte an der Bergischen Universität Wuppertal, in den Ruhestand verabschiedet. Ihre Professur wird nicht wieder besetzt, vielmehr soll ihr Lehrgebiet zukünftig von anderen Professuren übernommen werden. Jedoch sind die wissenschaftlichen Professuren im Fachbereich “Design und Kunst” in Wuppertal auf Kunstgeschichte und Mediendidaktik ausgerichtet, da ist interdisziplinär für das Design wenig zu holen. Wie sollen die zukünftigen Industrie- und Kommunikationsdesigner die Geschichte ihrer eigenen Disziplin kennen lernen? Die Auseinandersetzungen um Sachlichkeit und Funktionalismus, um Moderne und Postmoderne im Design – alles vergangen, alles vergessen? Und wo sonst soll Forschung zur Designgeschichte betrieben werden, wenn nicht an den Hochschulen?

Einige Hochschulen besitzen hochwertige Designsammlungen, die von der jeweiligen Professur für Designgeschichte in der Lehre eingesetzt, für Forschung und Publikationen ausgewertet werden. In Weimar wurde die Designsammlung von Horst Michel – bis Ende der 1960er Jahre Professor für Formgestaltung in Weimar und Vertreter der Guten Form in der DDR – nach dem Ausscheiden des zuständigen Professors für Designgeschichte in das „Archiv der Moderne“ der Bauhaus-Universität überführt und dort archiviert. Was aber geschieht mit den ca. 5000 Objekten in der Designsammlung der Wuppertaler Universität, die bisher von der dortigen Professur für Designgeschichte betreut wurde und die ein früherer Rektor der Universität als Beitrag zur Stadtkultur in Wuppertal gesehen hatte? Die Universität will die Sammlung Anfang 2015 der Öffentlichkeit vorstellen und für die Exponate ein „digitales Managementsystem“ entwickeln. Aber wer soll das machen, wenn die zuständige Professur nicht mehr existiert?

An den Hochschulen und Kunsthochschulen, die Design als Studienfach anbieten, kann man ohne gravierende Ausbildungs- und Erinnerungsverluste auf eine Professur für Designgeschichte nicht verzichten, in der die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit – mit dem Deutschen Werkbund, dem Bauhaus und der Hochschule in Ulm – Bezugspunkte für die Gegenwart vermittelt.

Dagegen ist das Fach Designgeschichte in den angelsächsischen Ländern an vielen Universitäten vertreten. Dort wird etwa auch die Geschichte des Designs in der DDR wesentlich stärker thematisiert, während bei uns die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit im Design immer noch von den Nachwehen des Kalten Krieges beherrscht wird. Designgeschichte ist ebenso gesellschaftlich verankert wie das Design, aber ohne eigene Wissenschaftskompetenz gerät sie zum schiefen Annex anderer Kulturwissenschaften.

Gesellschaft für Designgeschichte e.V., März 2014 Vorstand: Prof. Dr. Siegfried Gronert, Dr. Wolfgang Schepers, Prof. Dr. Petra Eisele Die Gesellschaft für Designgeschichte e. V.

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8 Kommentare

  1. Uwe von Loh,

    Lieber Herr Stapelkamp!

    Danke für den Schmähbrief! Beachtlich, wie Sie bereits im zweiten Satz persönlich werden und meine Karrierebemühungen der letzten Jahrzehnte auf den Punkt bringen. Ebenso bemerkenswert Ihr Beharren auf der Nichteignung von Nichtdesignern, was ja sozusagen auch meine Eignung zum Designtheoretiker unterstellt. Leider kann ich Ihre Behauptungen nicht akzeptieren, da ich keinen Beweis dafür erkennen kann und weil zweitens die von Ihnen vorgestellten Inhalte eines Kunstgeschichtsstudiums auf deren Nichtkenntnis schließen lässt. Das ist auch der Grund, warum ich Ihnen nicht folgen will.

    Unabhängig von der Eignung von Nichtdesignern für die Designtheorielehre – mir persönlich fallen da fast nur gute Beispiele ein – sei meine These aber hier nochmal wiederholt. Es gibt nicht genug Designer, die für die Designtheorielehre ausreichend qualifiziert wären. Das werfe ich Ihnen weder persönlich noch als Hochschullehrer vor, sondern ich widerspreche damit einfach ihrer Behauptung, dass eben Designer am besten geeignet wären, Designtheorie/-geschichte zu lehren. Wenn sie das wären, würden sie durchaus die verbleibenden Professuren in den entsprechenden Fachgebieten besetzen können (dass diese Stellen nicht mehr ausgeschrieben werden, war ja der Ausgangspunkt unserer Diskussion).

    Wie kann nun ein Designer die entsprechende Qualifikation erlangen, die er meiner These zufolge noch nicht hat? Ich denke, dass er das durch eine Promotion tun sollte, die einem Abschluss der konkurrierenden Fremdbewerber gleichwertig ist. Das ist noch sehr selten, weil ein Designstudium dazu nicht unbedingt alle Voraussetzungen liefert. Die Alternative ist, so banal es auch klingt, nicht ernst genommen zu werden. Diesen Ernst einzufordern, wird Ihnen nur mit einer anschlussfähigen wissenschaftlichen Arbeit gelingen. Spekulationen und Wertungen über anderer Leute Lebensumstände sind dabei eher hinderlich.

    Warum tragen Sie ihr umfangreiches Wissen zum Thema Promotion nicht auf einer der Doktorandentreffen der DGTF vor (Stichwort “Design promoviert”). Es kann nie schaden, sein Lebenswerk auch vor dem akademischen Nachwuchs zu kuratieren.

    In diesem Sinne Alles Gute
    wünscht Ihnen
    Ihr UvL

  2. Zunächst einmal – von Kunsthistoriker-Bashing kann in meinen Kommentaren nicht die Rede sein, weshalb sich erst gar nicht die Frage stellt, ob man damit weiterkäme oder nicht, wie Sie es festzulegen versuchten.
    Mal davon abgesehen, ist auch niemand darauf angewiesen, mit Ihnen irgendwo und irgendwie weiter zu kommen. Besonders weit scheinen Sie ohnehin bisher noch nicht gekommen zu sein.

    Meine Feststellung, dass Kunsthistoriker von ihrer Ausbildung und ihrer Haltung her nicht geeignet sein können, Theorien für eine Designlehre aufzustellen, ist doch zunächst einmal schon auf Grund entsprechender Ausbildungs- und Talent-Erfordernissen naheliegend. Außerdem sind nicht die Kunsthistoriker, sondern die Design-Studierenden die Leid tragenden, wenn eine designferne Theorielehre als Basis für eine Design-Ausbildung zu Grunde gelegt wird. Auch die Sicht auf Design und ein Verstehen der Position von Design in der Gesellschaft wird verfälscht, wenn die Deutungshoheit durch Fachfremde ausgeübt wird.

    Wer dem nicht zustimmen möchte, hat hier die Gelegenheit Gegenargumente zu formulieren.

    Ich bin gespannt, wie diese Argumente lauten werden.
    In meinen beiden Kommentaren beschrieb ich die Eigenschaften von Kunsthistorikern, von Designern und deren Arbeitsweisen sehr detailliert.
    Es sollte nicht schwer sein, im Einzelnen darauf einzugehen.

    Ob Sie – Uwe von Loh – dazu qualifiziert sind, feststellen zu können, welche Reflexion sich zur Theorie qualifiziert, dürfen Sie gerne unter Beweis stellen, indem Sie sich ernsthaft mit Rede und Gegenrede an einer Diskussion beteiligen. Schließlich nennen Sie sich selber Designtheoretiker, schaffen es aber offensichtlich nicht einmal, Thesen oder Gegenthesen aufzustellen.
    Dennoch darf ich bei einem selbsternannten Designtheoretiker doch wohl Lust auf Diskurs erwarten 😉

    Widerlegen Sie meine Feststellungen.
    Tun Sie so, als könnten Sie Diskutieren und im Sinne von Rede und Gegenrede Erkenntnisgewinn bewirken, anstatt nur so zu tun, als hätten Sie einen Beitrag zu leisten, aber dann doch nur heiße Luft bieten.
    Mir wäre es nur recht, wenn die von mir beschriebenen Zustände nicht zuträfen.
    Aber bisher bestätigen Sie sie nur.
    .
    .
    Andereseits habe ich nicht vor, hier mit Ihnen eine Brieffreundschaft zu starten.
    Dafür sind Ihre Beiträge bisher einfach zu dünn.
    Ich freue mich aber um so mehr auf Ihr Gegenplädoyer.
    Sollte es aber wieder nur heiße Luft von Ihnen geben, verzichte ich gerne darauf, weiter auf Sie einzugehen.
    Ich will Sie auch nicht länger von Ihrer Promotion abhalten.
    .
    .
    Kunsthistoriker haben Kunstgeschichte studiert und haben demnach in der Regel über Kunsthistorie hinaus keine weiteren Qualifikationen erworben, um Theorien zu lehren, die für ein Design-Studium von Bedeutung wären.
    Wenn die Theorie in der Designlehre aber von Fachfremden bestimmt wird, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass es einen Mangel an ausgewiesenen Designtheoretikern gibt.

    Mal davon abgesehen, besteht doch überhaupt gar keine Notwendigkeit, anzunehmen, dass Kunstgeschichtler mehr wären als Kunstgeschichtler. Als Kunsthistoriker sind diese bestimmt absolut hervorragend. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

    Gewiss gibt es immer wieder Theoretiker-Ausnahmetalente, die ein Designer-Umfeld massiv bereichern und anreichern können ohne jemals Design studiert zu haben. Diese sind von den selbsternannten Theoretikern schon dadurch leicht zu identifizieren, dass sie Berufs- und Lebenserfahrung haben bzw. dass sie durch ihre inspirierende und kreative Persönlichkeit, aber natürlich auch durch ihre Papers, Publikationen und Vorträge entsprechend auffallen.

    Der Mangel an ausgewiesenen Designtheoretikern ist doch gerade das zwangsläufige Resultat des traurigen Umstandes, den ich in meinen Kommentaren beschrieben habe. Wenn man fachfremde Kunsthistoriker Seminare wie “Designtheorie”, “Theorie der Gestaltung” und “Medientheorie” lehren lässt, braucht man sich nicht wundern, dass keine ausgewiesenen Designtheoretiker hervorgebracht werden.
    Um die Möglichkeit zu erhalten, Designtheorie entwickeln und insbesondere ausgewiesene Designtheoretiker hervorbringen zu können, ist zunächst sicherzustellen, dass es überhaupt ein entsprechendes Umfeld gibt, das nicht durch Fachfremde blockiert wird.

    Diejenigen Designer, die promovieren wollen, sollten in der Regel vermeiden, dies auf Anraten und durch Betreuung eines Kunsthistorikers zu tun. Die Gründe nannte ich bereits in den vorherigen Kommentaren.
    Insbesondere Designer, die bereits in ihrem Studium kaum oder gar keine Erfolge hervorbrachten, neigen vereinzelt dazu, eine Sinnsuche in der Designtheorie zu betreiben.
    Wer sich nur aus dieser Überlegung heraus dazu entschließt zu promovieren und dies zudem nach den Methoden von Kunsthistorikern tut, professionalisiert sich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit für eine HartzIV-Karriere oder entfremdet sich zumindest so weit vom Design, dass eine Design-Karriere durch solch eine Promotion eher ausgebremst und nicht optimiert wird. Weshalb dann gerne mal ein paar Jahre länger promoviert wird, um sich so der Lösungssuche zu entziehen, über die Zeit nach der Promotion nachdenken zu müssen.
    So kann eine Promotion zu einer Art von Eskapismus werden.
    Das Ergebnis sind dann bloße Titelbeschaffungsaufsätze ohne wesentlichen Erkenntnisgewinn. Man kann getrost von heißer Luft sprechen.
    Da nun wirklich nicht erwartet werden kann, dass diese Form von Zeit- und Ressourcen-Verschwendung mit Anerkennung und somit mit gesteigerten Karrierechancen honoriert werden würde, resultieren daraus nicht selten Existenzen, die auf HartzIV oder auf das Engagement und der zusätzlichen Arbeit ihrer Lebenspartner angewiesen sind.
    Den so Gescheiterten bleibt dann nur noch, sich selber Künstler oder Designtheoretiker zu nennen.
    Wer eher dazu neigt, nach Ausreden, anstatt nach Lösungen zu suchen, wird es im Design ohnehin schwierig haben – erst recht dann sollte man nicht promovieren.

    Wer sich allerdings von jenen betreuen lässt, für die Kreativität, Innovation, Veränderung und nicht nur das Beobachten und das Bewahren eine Rolle spielt, hat als Designer große Chancen, mit einer Promotion neue Welten zu entdecken und durch die Promotion einen Karriereschub zu erfahren.
    Designer, Philosophen, Ingenieure, Informatiker, Computerwissenschaftler, Physiker und ähnliche Querdenker werden stets interessante Doktorväter/Doktormütter für Designer sein. Dies sind Forscher, sowie komplexe Designprozess per se Forschung sind.
    Themen z. B. des Interfacedesign und des Service Design und allgemein des User Experience Design bieten stets interessante Herausforderungen für Design-Promotionen.
    Doktoranden dieser Themen schaffen Bedeutung, nicht nur Beschreibungsformeln und werden helfen, den Theoriebegriff im Design weiterzubringen.

    Torsten Stapelkamp

    1. designkritik Autorenteam Bauer/Birlenbach/Okraj,

      Hallo Hr. Stapelkamp,
      jetzt wird das doch zur “Brieffreundschaft” und etwas zu persönlich. Könnten Sie Ihren Beitrag wieder zur Sache führen? Wie können wir das Problem der Vakanz von Designgeschichte-Professuren bearbeiten?
      Ich würde den Beitrag gerne ohne die Einschätzungen über Hrn. von Lohs Lebensplanung genehmigen.
      BB