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Wer schreibt Designgeschichte?

Wer schreibt die Designgeschichte? Bericht der Gesellschaft für Designgeschichte (GfDg) Tagung zum Thema „Design sammeln“

Vom 3. bis zum 4. Mai tagte die Gesellschaft für Designgeschichte in Berlin im Werkbundarchiv in Berlin zum Thema „Design Sammeln.“ Bereits in der Begrüßungsrede griff Renate Flagmeier (Dialogische Sammlungsstruktur als Basis für ein Museum als Ort der Verhandlung), leitende Kuratorin des Werkbundarchivs auf, dass zu diesem Thema so viele Thesen und Fragen im Raum stehen, dass sie auch im Rahmen der Tagung kaum beantwortet werden können. Sie sollte Recht behalten. Bereits am ersten Tagunsgtag wurde deutlich, auf welch unsicherem Fundament sich die Forschung der Designgeschichte und die Verwaltung von Designsammlungen in Deutschland gründen. In den zahlreichen Vorträgen wurde rasch deutlich, wie verschieden die Auffassungen von dem sind, was als sammelnswert, was als Design und was als Kunst gilt. Die alte Debatte um die Notwendigkeit oder Überflüssigkeit der Abgrenzung von Design, Kunst und Kunsthandwerk scheint noch immer aktuell zu sein.

Alltagsobjekte, Designobjekte

So ging etwa Andreas Ludwig (Nadeln im Heuhaufen oder: Wie weit reichte die Professionalisierung des Industriedesign im Alltag? „Designobjekte“ in den Sammlungen des Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR) von einer Unterscheidung zwischen „Alltagsobjekten“ und „Designobjekten“ aus. Designobjekte definierte er als Objekte, deren Designer bekannt ist. Er berichtete von Untersuchungen, in denen versucht wurde herauszuarbeiten wie viele „Designobjekte“ sich unter den „Alltagsobjekten“ befänden. Folgerichtig leitete er seinen Vortrag mit der Bemerkung ein, dass er eventuell provoziere mit seiner Fragestellung ob Designgeschichte mehr Design oder mehr Geschichte sei. Sein irritierend enger Designbegriff, den er selber in der Anschlussdiskussion als „konservativ“ bezeichnete, wurde von den Tagungsteilnehmern kaum kommentiert. Die Frage, weshalb die längst übliche Unterscheidung zwischen „Autorendesign“ und „anonymem Design“ hier der Unterscheidung zwischen „Alltagsobjekt“ und „Designobjekt“ wich, blieb leider nur vage beantwortet.

Der Vortrag von Andreas Ludwig, der in dem Dokumenationszentrum „Alltagskultur der DDR“ einen wichtigen archivarischen und sammlerischen Beitrag leistet und dessen unkonventionelle, unkuratierte Sammlung durchaus schätzens- und bemerkenswert ist, führt genau in das Zentrum der Probleme des Themas „Design sammeln.“ Denn Ludwig ist nicht Designhistoriker, nicht Kunsthistoriker, sondern Historiker. Er verfügt über einen „Außenblick“ auf das Design und seine Geschichte, wie er selbst erklärte.

Wenn das jedoch die Wahrnehmung von Designgeschichte ist, als eine Geschichte von Designhochkultur, von den Namen großer Designer und erfolgreicher Produkte, so ist dies eine Tragödie, denn sie besteht aus weitaus mehr. Und so kommt man zurück zu der zentralen Frage der Tagung: Wie muss Design gesammelt werden? Was muss gesammelt werden? Wann muss gesammelt werden? Kann man die Bedeutung von Designobjekten erst retrospektiv erkennen, und so nur Stücke vergangener Tage sammeln, oder ist es möglich, und eventuell auch besser, die Designobjekte der Gegenwart zu sammeln?

Design Sammeln und Archivieren – wie?

Im Laufe der Tagung wurden diese Fragen vielfältig beantwortet. Hartmut Jatzke-Wiegand berichtete von seinem Leben als leidenschaftlicher Sammler von Geräten der Firma braun, Timo de Rijk von seiner Sammlung technischem Design für die Vermittlung von gelungenen Produkten an Studenten. Gisela Hanhne berichtete von dem Archiv der Firma Wilkhahn, in dem eigene Firmen- und Designgeschichte dokumentiert und aufbewahrt wird. Günter Höhne hielt einen Vortrag über den Beginn der Sammlung Höhne. Desweiteren berichtete Annemarie Jaeggi über die Sammelpraxis des Bauhausarchivs, Wolfgang Schepers aus dem Museum August Kestner in Hannover, Josef Straßer über Die neue Sammlung und Johanna Sänger über die Entstehung der Sammlung Industrielle Gestaltung in der DDR sowie Lutz Dietzold von der umfangreichen Dokumentation von Designobjekten im Archiv des Rat für Formgebung.

Deutlich wurde in allen Vorträgen, dass Sammeln auch Archivieren bedeutet. Das gesammelte Design ist wiederum das, was in der Zukunft  über vergangene Designkultur Auskunft gibt. Die Geschichte des Designs wird an den Sammlungen abgelesen werden, diese Sammlungen und Objekte werden ausgestellt, sie werden der Vermittlung von Designgeschichte dienen, sie werden Teil der Geschichtsschreibung. Das verdeutlicht die große Bedeutung von Designsammlungen und zeigt welche Verantwortung und welchen Einfluss Designsammler haben.

Und damit ist man auch schon bei den Belangen der Designkritik, denn wer sammelt den Part der Designgeschichte, der ebenso Teil von ihr ist, wir Braun-Geräte, Bauhaus-Möbel und Werkbund-Design? Wer sammelt das Hässliche, das Kitschige, das Unwürdige, das Misslungene? Oder, diese Frage warf der Philosoph Manfred Sommer in der Abschlussdiskussion auf, wer sammelt die Entwürfe? Wer sammelt dass, was als nicht prouzierenswert galt? Das, was niemals wesentlicher Teil der Designgeschichte werden konnte, weil es seinen Weg das Nadelöhr der Industrie, der Marktwirtschaftlichkeit und Verkaufbarkeit nicht fand? Sollte nicht auch gesammelt und somit dokumentiert und archiviert werden, was mit den Produkten geschah, nachdem sie produziert wurden und in den täglichen Gebrauch übergingen? Muss nicht Gebrauchsgeschichte ein wesentlicher Teil von Designgeschichte sein? Kann Gebrauchsgeschichte gesammelt oder archiviert werden?

Schlussendlich auch die Frage: Wo ist Raum für Designkritik in dem Thema „Design sammeln“? Annemarie Jaeggi erklärte, es gäbe Probleme, weil dieser kritische Teil der Designhistorie schwer zu vermitteln sei. Man kläre aber etwa im Audioguide den Besuchern des Bauhaus-Archives die Probleme der Wagenfeld Leuchte. Jedoch, darüber scheint fast eine Art Konsens zu herrschen, eigne sich ein Museum nicht so recht dafür, es erfordere zu viele „Texttafeln“, die dem Besucher nicht zumutbar wären.

Doch sollten Sammlungen ausschließlich im Hinblick auf die spätere Vermittlung in Museen und Ausstellungen zusammengestellt werden? Wo bleibt Raum für Designkritik, wenn Firmen wie Wilkhahn, die Dokumentation ihrer Designgeschichte selbst übernehmen? Sicherlich, die staatlichen Institutionen werden entlastet, doch auf der anderen Seite beschleicht einen auch das Gefühl, dass solche Sammlungen die kritische Distanz vermissen lassen könnten.

Designgeschichte darf nicht, auch darauf verwies am Ende der Tagung der Philosoph Sommer, „eine Geschichte von Siegen“ sein. Und diese Erkenntnis ist aus der Perspektive der Designkritik zentral: Designsammlungen sind wichtig, denn sie bilden eine wesentliche Grundlage der Designgeschichte. Sie gehen nicht nur Kuratoren oder private Designliebhaber an, sondern alle, die sich mit Design befassen. Designgeschichtsschreibung muss aus vielen Perspektiven erfolgen um nicht eindimensional zu werden. Es geht uns alle etwas an, besonders, wenn Designkritik Teil der Geschichtsschreibung werden soll.

Mara Recklies

Abstracts zur Tagung auf der Website der GfDg

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