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Psychogramm des Selbstständigen

Das Psychogramm des Selbstständigen ist ein Buchprojekt von Markus Nebel, entstanden im Rahmen seiner Diplomarbeit an der FH Mainz.

Selten genug, dass ein Kommunikationsdesigner die eigene Branche ins Visier nimmt und das Diplom zur Bestandsaufnahme nutzt, dafür eine Menge Vorschusslorbeeren! Das Psychogramm versucht sich an die Befindlichkeit des Designs in einer bestimmten Sparte heranzutasten. Markus Nebel fragte mit der design-typischen Deformation professionelle, wie sich seine Vorbilder in der Design-Zunft zu ihrer Unternehmensform stellen, ob es irgendwelche Gesetzmäßigkeiten gäbe, die aus dem Designer einen guten Unternehmer macht – ohne den Anspruch darauf gute Ratschläge verteilen zu wollen. Dazu sprach Nebel mit 30 selbstständigen Gestalterinnen und Gestaltern.

Zum Psychogramm (umfassendes Persönlichkeitsbild) ist das Büchlein dann wohl nicht geworden, dazu ist das Setting, die Systematik und Fragetechnik doch sehr überwältigt von der Tatsache, mit seinen Idolen wie Spiekermann, Hickmann und Ruddigkeit, mit Eike König und vielen anderen zu plaudern. Aber gerade diese entwaffnende Verblüffung ist wieder ein Punkt für Nebels Arbeit als Diplom. Denn es kommt darauf an, das man losgeht und fragt!
Markus Nebel im Vorwort: “Dieses Buch ersetzt nicht die einschlägige Fach- und Ratgeberliteratur auf diesem Gebiet, es setzt noch weit vor dieser an […]. Es vermittelt auf anschauliche Weise, wie vielman über das eigene Vorhaben lernen kann, wenn man freundlich fragend auf Menschen zu geht, die mehr wissen als man selbst.”

Erfolgreiche Unternehmer zu befragen ist allerdings auch heikel – da blühen die Mythen um die jeweiligen Erfolgsrezepte nur so aus den Worten und es perlen die Bonmots. Selbstgefälligkeit, ja Eitelkeit kommt nicht selten vor! Und was ist das überhaupt: Erfolg? Und was unterscheidet die Designer als Selbstständige überhaupt von anderen Branchen? Schön wird das Buch dann, wenn die typischen Klischees von konsequenter, gelebter Kreativität als Batterie für unermüdliche Arbeit durchbrochen werden und Befrager wie Befragte ins Zweifeln darüber kommen, was wirklich dran ist. Selten kommt die Subsistenz, die grundsätzliche Versorgung in den Gesprächen vor, nie wird von harten Zeiten berichtet oder von Geldjobs und ausserdem verhält sich die männlich-weiblich Ratio der Befragten in dem für “erfolgreiche” Unternehmen wahrscheinlich repräsentativen Bereich von 24:6. Das Wort Leidenschaft, von dem jeder Designer wahrscheinlich zu berichten weiß, wird oft als Triebfeder genannt. Ob das bereits ein Unterschied zu anderen Selbstständigen ist? Wo liegen die Ängste und Sorgen auf dem Weg zur Anerkennung? Markus Nebel hat sich einen wahnsinnigen Berg Arbeit gemacht, denn die Interviews wurden nicht nur zu einem Buch, sondern auch zu einer minutiös verschlagworteten App verarbeitet.

Das Diplom besteht aus zwei Teilen, zum einen aus einem klassischen Printmedium und zum anderen aus einem Interface, das diverse digitale Inhalte und die Tonspuren aus den geführten Interviews an den analogen Teil anbindet. Dieses Interface besteht ebenfalls aus zwei Elementen: Einem interaktiven Quellenverzeichnis und einem interaktiven Hörbuch, das es ermöglicht die Tonspur nach drei verschiedenen Kategorien zu sortieren. Nach Autor: Das Interview wird chronologisch abgespielt. Nach Position: Verschiedene Designer beziehen zu einem Schlagwort, das in der Publikation vorkommt Position. Nach These: Zu diesen Thesen gibt es in Zukunft noch mehr. Ein gedrucktes Interface der digitalen Wirklichkeit und ein interaktives Hörbuch in einem.

Für meinen Geschmack etwas viel – ich meine, es kommt mehr rüber, wenn man Gespräche in der Langform belässt, aber vielleicht waren die Anforderungen der Diplomarbeit enger gesteckt, wer weiß. Für mich ist das Zerteilen von Inhalt, vor allem wenn es um ein Psychogramm gehen soll, kontraproduktiv. Weil eben gerade zwischen den Zeilen so viele Befindlichkeiten der Befragten mitgeteilt werden könnten. Was hilft mir also ein kleinteiliges Glossar? Das Gespräch mit Ruedi Baur ist dann glücklicherweise auch in voller Länge abgedruckt.

In den Feinheiten der Gespräche z.B. über Strategien entdeckt man doch hier und da gelebte Weisheit, zum Beispiel wenn geraten wird, sich strategisch doch lieber in Kundennähe anzusiedeln, statt dem Hedonismus (in Berlin?) zu fröhnen. Fleißig und leidenschaftlich sind alle befragten. Und manchmal, so drängt sich auf, ist der Kern des erfolgreichen Unternehmertums bestimmt ein sehr bodenständiger, seriöser. Soweit, so Psychogramm! Ein schönes Buch, gestaltet von Saskia Friedrich, ist es geworden. Es ist ein Ansporn für andere Designer den Mut zur Betrachtung der eigenen Profession überhaupt erst zu schöpfen, selber zu fragen, loszugehen und diese Gespräche zu thematisieren.

 

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