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Die „Öffnungszeiten“ – ein in sich geschlossenes System?

„Wir bleiben recht gerne im akademischen ‚Elfenbeinturm’“ – eröffnet Romero-Tejedor einschränkend im Editorial. Ob dieser Standpunkt dem Thema des Heftes gut tut, wird sich zeigen. Das Thema lautet „Ars Magna – Design als Problemlöser“. Große Kunst, müsste das heißen. Das kann auch der Nicht-Lateiner sich vielleicht so gerade noch erschließen. Gemeint ist das auf- und inzwischen wieder abgehypte Design Thinking. Womit die erste akademische Verfremdung gelungen ist.

Fünf der insgesamt 13 Aufsätze arbeiten sich an jenem Design Thinking ab. Design Thinking, soviel vorab, ist die Behauptung einer Methode für die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen, die sich Vorgehensweisen von Designern zu eigen macht – vor allem das wiederholte Entwerfen und Verwerfen. Gegen diese Behauptung wird nun Stellung genommen.

Den Auftakt macht Bernard E. Bürdek, Professor für Designtheorie und -methodologie an der HfG Offenbach, im Interview mit Romero-Tejedor. Er findet Design Thinking „nicht übermäßig originell“. Die Arbeitsweisen von Designern seien schon in der 1960er Jahren erforscht worden. Und diese Forschung fand mit seiner Diplomarbeit von 1971 „quasi den Abschluß“. Dabei vergisst Bürdek allerdings, dass der Anspruch des Design Thinking über das Design hinausgeht. Design Thinking will Innovationen in allen Lebensbereichen herbeiführen. Zweitens spricht  nichts gegen eine Sache, die schon länger als Idee gereift ist.

Bürdek polemisiert im Folgenden gegen den großen Anspruch der Designforschung, Design als Wissensproduktion zu rekonstruieren. Dabei kämen nur von Designproblemen entleerte Untersuchungen von Methoden heraus. Gegen diese Position, die er der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung (DGTF) anlastet, setzt Bürdek eine „disziplinäre“ Designwissenschaft. Aber damit sind wir mitten im deutschen Designforschungsstreit.

Zurück zum Design Thinking, zur Ars Magna. In ihrem Aufsatz „Ars Magna – Über Kombinatorik und Geschmack im Design“ klärt Romero-Tejedor auf, was es mit diesem lateinischen Begriff eigentlich auf sich hat. Ramon Llull, ein mittelalterlicher Philosoph des 12. Jahrhunderts erdachte eine Ars Magna „Maschine“, genauer eine Drehscheibe mit Begriffen, die neue Kombinationen von Konzepten ermöglichen sollte.

Llulls logische Maschine aus sieben um ein Zentrum drehbaren Scheiben
Llulls logische Maschine aus sieben um ein Zentrum drehbaren Scheiben

Romero-Tejedor findet nun im Design Thinking eine „Neuauflage [dieser] alten Liebe zur topologischen Kombinatorik“ wieder, in der eine „visuelle Übersicht als Wahrheitsersatz“ diene. Sicher, die Vertreter des Design Thinking von der HPI School of Design Thinking in Potsdam propagieren ihre Vorgehensweisen anhand von allerhand Prozessmodellen. Aber verwechseln sie, wie Romero-Tejedor nahe legt, deshalb diese Modelle mit einem erfolgreichen Vorgehen?

Außerdem wirft Romero-Tejedor dem Design Thinking ein Versäumnis vor. In seinem Glauben an die Kombinatorik kümmere es sich nicht um Geschmacksfragen. Dennoch würden auch hier, unter der Hand, Geschmacksfragen beantwortet. In einem längeren historischen Exkurs weist Romero-Tejedor nach, dass Antworten auf Geschmacksfragen eigentlich Machtfragen sind, also irgendwie mit dem sozialen Status zu tun haben.

Nachdem das Design Thinking als Ars Magna ins dunkle Mittelalter verwiesen ist, setzt Holger van den Boom in seinem Aufsatz „Die Kunst zu finden – Oder QED“ mit einer gelehrten Polemik nach. Er geht mit den Philosophen Descartes, Frege, Kant und Leibniz auf das Design Thinking los. Er weist nach, dass auch diese Denker sich „Maschinen“ für neues Denken erhofften, aber im Gegensatz zu den heutigen Design Thinkern deren Grenzen kannten. Van den Boom besteht darauf: „Denken kann man nicht an etwas delegieren, was man mit der Hand tut oder tun könnte.“ So weit, so richtig – aber wieder stellt sich die Frage, ob dies die Vertreter des Design Thinking trifft. Sicher ist, dass sie sich über kulturkritische Anwürfe diesen Kalibers nicht freuen werden: „Fast alle, die ihre Laptops auf den Knien balancieren, sind inzwischen Designdenker.“

Ebenso auf Krawall gebürstet ist der Beitrag von Wolfgang Jonas – zumindest im Titel: „‚Design Thinking’ als ‚General Problem Solver’ – der große Bluff?“. Auch er will „den großmäuligen Neuheitsanspruch des Design Thinking […] demontieren“. Spätestens jetzt wird klar, worin die Aufregung um das Design Thinking besteht. Die Designforscher melden ein „‚Kidnapping’ des harmlosen, freundlichen, verletzlichen und kaum definierten Begriffs Design mit dem Ziel der Vermarktung in einem neuen Kon­text.“

Die Entführer ignorierend, will Jonas das Design Thinking zurück in den Designforschungsdiskurs holen: „Design Thin­king könnte tatsächlich unsere neue große Vision sein.“ Wie Bürdek verweist er auf die bisher gemachten Fortschritte in der Designforschung. Darüber hinaus besteht Jonas allerdings darauf, „[d]as enge Konzept der auto­nomen Formgestaltung im Design [zu] überwinden“. Dafür projektiert er eine „radikale Transdisziplinarität“, die den Streit zwischen designerischer und wissenschaftlicher Forschung überwinden könnte. Für Jonas wäre das ein „Zusammenschluss, um ein Problem in einem konkreten Anwendungskontext zu definieren. Dyna­misch, flexibel, flüchtig, generativ.“

Damit sind die höchsten Etagen des Elfenbeinturms erreicht. Katharina Bredies begibt sich mit ihrem Aufsatz „Nach dem Problem ist vor dem Problem“ nun zum Abstieg. Sie scheint die Aufregung ums Design Thinking weniger erfasst zu haben, da sie sich gelassen an die Arbeit macht, die Designprozesse zu beschreiben, die auch im Design Thinking angegangen werden. Sie identifiziert drei Herangehensweisen: das benutzerorientierte, das partizipative und das technikorientierte Design.

Bredies unterzieht die drei Herangehensweisen einer vorurteilslosen Prüfung. Sie interessiert vor allem die Stellung und Reihenfolge von Problem und Lösung. Wo allerdings Designer „Anfangs- und Endpunkt ihrer Arbeit in der Dynamik von Problem und Lösung set­zen, ist keine Frage der Logik, sondern eine des politischen Einflusses.“ Sie begutachtet wie Designer in den drei Ansätzen „Einfluss auf das Problemdesign zu nehmen“ versuchen. Das ist mehr Designsoziologie als -philosophie und das ist gut so, denn so schaut dann auch die Realität mal wieder in die Zeitschrift herein.

Fazit: Von den höheren Ansprüchen der Designwissenschaft aus werden dem Design Thinking in den meisten Beiträgen allerhand Versäumnisse nachgewiesen, die aber oft ins Leere laufen. Design Thinking ist nur Marketing–Gag–Bluff! – Genau, Design Thinking ist ein Instrument des Marketing. Na und? Design nicht auch? Design Thinker denken, Sie hätten ein Patentrezept für erfolgreiches Design! – Haben sie das je behauptet? Schön wäre es umgekehrt gewesen, zu erfahren was Design Thinking eigentlich so macht und weniger was es alles nicht macht. Die „Öffnungszeiten“ erscheinen zumindest in dieser Frage als ein in sich geschlossenes System.

Es gibt darüber hinaus noch acht weitere Beiträge von Rolf Küster, Gunnar Pause, June Park, Mario Prokop/Claudia Prokop, Diethard Janßen, Rosan Chow, Anna Calvera und Marc Pfaff und einige Projektkurzvorstellungen von Studierenden. Dem Heft hätte sicherlich ein Gutachterverfahren gut getan, denn einige Beiträge erscheinen noch recht skizzenhaft, sich an ein Thema herantastend.

Dennoch, in den „Öffnungszeiten“ wird der deutsche Designwissenschaftsdiskurs abgebildet – und geführt! Und das unermüdlich und konstant seit 1996. Ähnliches leistet nur die Form und Zweck, deren letzte Ausgabe Nr. 22 allerdings ein paar Jahre zurück liegt (2008). Außerdem ist da noch die Zeitschrift Neuwerk aus Halle, deren dritte Ausgabe wiederum im Form & Zweck Verlag erscheint. Konzentrationsprozesse auf dem akademischen Designzeitschriftenmarkt in Deutschland?!

 

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4 Kommentare

  1. ber,

    Hallo Jan,

    für mich sind andere Veröffentlichungen von Autoren auch ein Grund, ob ich weitere Texte von ihnen lese.

    Deine Haltung dem Heft ggü. scheint mir nach lesen der Rezension eher “ambivalent” zu sein.

    Und das trifft genau meine Haltung zu besagter Autorin. Nichts anderes steht in meinem Kommentar. Der mag deutlich geschrieben sein – aber verunglimpfen sieht anders aus.

  2. Jan-Henning Raff,

    Hallo Ber!
    Mein Text ist darauf aus gewesen, die Autoren zu kritisieren, wo es mir nötig schien — und nicht die Autoren zu verunglimpfen. Daher benutze ihn bitte auch nicht dafür!

    Grüße!
    J. Raff

  3. ber,

    Frau Romanero-Tejedor ist mir bereits mit ihrem unsäglich verallgemeinernden Werk “Der denkende Designer” negativ aufgefallen. Insofern überrascht es mich nicht, das diese Publikation ebenfalls nicht besonders gelungen scheint.

    Einen sehr treffenden Text über Design Thinking hat Don Norman geschrieben und bezeichnet es als “Useful Myth”: http://www.core77.com/blog/columns/design_thinking_a_useful_myth_16790.asp

  4. Lisa,

    Vielen Dank für diese sehr gute Zusammenfassung! Auch, dass weitere designtheoretische Magazine am Ende genannt werden, finde ich als Neuling auf dem Feld großartig.
    Ich würde mich über mehr solch gute Zusammenfassungen freuen!