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Neuwerk – das Vorwort

Oberflächen/Untersichten

Vorwort

Designforschung trägt das Los der späten Anerkennung. Sie ist als Disziplin jung – freilich nur in ihrer akademischen Figur, denn als notwendiges Nachdenken über das Herstellen von Dingen hat sie immer existiert – und gesellt sich in einer Zeit zu den Wissenschaften, da die besten Plätze vergeben sind. Der Designwissenschaft wird man auch so schnell keinen Stammplatz in Aussicht stellen. Dies rührt ironischerweise eher daher, dass zu viel über die Beschaffenheit von Theorien bekannt ist, als zu wenig. Denn die Architektur szientifischer Gebäude ist selbst in den Blick der Wissenschaft geraten. Man kann nicht aufs Geratewohl theoretisieren; zu gut ist bekannt, was zu was führt. Eine Designwissenschaft etwa, die sich nahe bei ihren Entwurfsgegenständen hält, bleibt eine dienstbeflissene Hilfsstruktur der Praktiker. Sie wird es zu einer „Ergonomischen Theorie des Kleiderbügels“ oder einer „Betrachtung zur Plakatgestaltung“ bringen, aber stets den Blick aufs Ganze suspendieren. Sie ist dann praktisch von hoher Verwertbarkeit, aber doch nicht mehr als ein Sammelsurium loser Einzelfalltheoremen.

Schwingt sich Designwissenschaft dagegen zu Höherem auf und will den Blick auf das Entwerfen als solches freilegen, wird sie schnell abstrakte Begriffe favorisieren. Hier lauert die Entfremdung von der eigenen Basis. Praktische Gestalter fragen dann zu Recht, wofür sie einen solchen Elfenbeinturm brauchen, wenn sich vom hochgeschraubten Gedankengebäude nicht mehr ableiten lässt, wo im Entwurf der „Schalter an der Lampe sitzen soll“. Aber nicht nur in der Nähe oder Ferne zum eigenen Forschungsobjekt lauert die Vorahnung wohin man gelangt. Auch die methodischen Anleihen werfen ihre Schatten voraus. Designforschung, die sich an den Naturwissenschaften orientiert, ist exakt, wird aber ihre empathielose, technologische Haltung nicht mehr los. Umgekehrt locken die Geisteswissenschaften mit einer allgemeinen und humanen Sicht auf die Dinge, schweigen aber gern, wenn es konkret wird. Von der Psychologie wird ein empirisch gesicherter Grund gestellt, ihre analytischen Methoden sind hingegen einem synthetischen Entwurfsdenken oft hinderlich. Wohin man sich wendet, das Ende scheint überall schon in Sicht.

Dies alles lässt DesignwissenschaftlerInnen zusammenstehen wie Verlierer des Spiels „Reise nach Jerusalem“. Alle Stühle sind belegt, egal wie bequem oder unbequem sie sein mögen. Und dies hinterlässt Spuren am Charakter. Kaum eine designtheoretische Tagung vergeht, ohne dass in fast pathologischer Manier die zermürbende Frage nach der Selbstdefinition gestellt wird. Oft wird hierüber mehr gestritten als über das anberaumte Thema.

Die Tragik des späten Eintritts der Gestaltung in die Arena der Wissenschaften hat aber noch eine Unterseite. Einmal anders gewendet, liegt das Unglück eher bei den eingesessenen Disziplinen. Wissenschaften sind seit jeher Regime der Wissensproduktion und -Sicherung. Wie aber, wenn Wissen nicht beliebig sicherbar ist, ohne dass das Beste – die fruchtbare Erkenntnis – dabei schal wird?
Der rasche Wechsel der Moden in der Wissens(re)präsentation vom linguistic turn der 1960er über den pictorial, topographic und zuletzt performative turn veranschaulicht die mediale Unsicherheit vieler Wissenschaftszweige zu ihren Forschungsgegenständen. Obwohl es theoretisch keine Neuerung darstellt, dass Wissen nicht unabhängig von seinen Aggregaten existiert, wird in der Praxis doch implizit Gegenteiliges unterstellt: Als habe man es mit einer Reinform zu tun, die nur später zwecks Vermittlung noch den Weg in eine ärgerliche PowerPoint-Präsentation muss. Die hohe Interdependenz von Form und Inhalt ist in den gestaltenden Disziplinen hingegen eine Lektion des ersten Semesters. Wahrscheinlich gibt es also doch noch etwas zu holen. Wahrscheinlich allerdings unter der unbequemen Prämisse, auch weiterhin zwischen den Stühlen sitzen zu müssen.

Dies alles bildet den Hintergrund, vor dem wir Neuwerk, Zeitschrift für Designwissenschaft gründen. Wir legitimieren unsere Arbeit durch zwei einfache Überlegungen. Erstens: Im deutschsprachigen Diskurs gibt es, soweit unsere Recherche reicht, kein „vollblütiges“ Periodikum für die Designwissenschaften, zumal nicht für den Nachwuchs. Zweitens: Für den eigentümlichen Stand der Designwissenschaft gibt es keine Lösung ad hoc; solange aber die Diskurse recht isoliert geführt werden, ist die Wiederkehr der ermüdenden Selbstbespiegelung wahrscheinlicher, als wenn eine Kontinuität – nennen wir es eine Dokumentationskultur – gepflegt wird. Folglich möchten wir Neuwerk als Forum heterogener Ansätze etablieren und die Logik des „Zwischen den Stühlen Sitzens“ durchaus pflegen.

Um der Spannweite der unterschiedlichen Formate (wissenschaftliche Essays, Fallstudien, Rezensionen, Kommentare und Interviews) und den verschiedenen Entwurfsdisziplinen eine Kontur zu verleihen, haben wir die Form des monothematischen Heftes gewählt. Das Thema zielt dabei auf die handhabbare Eingrenzung von Diskursen, nicht auf ein Korsett.

In der thematischen Wahl zur ersten Ausgabe haben wir uns mit dem Thema Oberflächen / Untersichten vom äußeren Blick auf Design leiten lassen. Design als Allerweltsbegriff hat es in die Nähe von Couturiers, Karossenschneidern und Friseuren gebracht, kurz, den modischen Stylisten der Oberflächen. Natürlich weisen Designer, die sich selbst ernst nehmen, den Vorwurf, in Sachen Oberflächlichkeit tätig zu sein, weit von sich. Weil aber das Klischee außerhalb so penetrant ist wie intern ungemocht, lohnt es sich, Facetten der Thematik aufzunehmen. Eines hat sich schon nach kurzer Recherche gezeigt: Der Behandlung der Oberfläche als kulturelles Phänomen haftet selbst etwas Oberflächliches an. Oberflächen scheinen sich derart im Äußerlichen zu erschöpfen, dass schon die Beschäftigung mit ihnen weder Erkenntnisgewinn noch Ruhm verspricht. So bleibt gar die Mehrzahl der gängigen Lexika eine simple Definition der Oberfläche außerhalb rein technischer Kontexte schuldig (vgl. S. 19). Es schafft jedoch Unbehagen, wenn eine Sache diskreditiert wird, bevor man sich die Mühe gemacht hat, sie zu fassen. Für Oberflächen im gesellschaftlichen Kontext ist das allemal der Fall. So wird Kultur jüngeren Datums nicht nur von konservativer Kulturkritik gern mit dem Stempel „superficial“ belegt und damit als – natürlich aus Amerika importierter – Schund abgetan. Will man anders, beginnt hier das Untersichten.
Unser Titel ist dahingehend doppelt gelagert. Oberflächen/Untersichten darf als das Aufeinandertreffen zweier gegenüberliegender Substantive gelesen werden. Oder als: „Oberflächen untersichten!“ Dem auffordernden Charakter dieses Rufes sind die Autoren, die in der ersten Ausgabe versammelt sind, mit dankenswerter Gründlichkeit gefolgt. Die so entstandenen Beiträge haben wir in inhaltliche Gruppen gegliedert und das Thema dadurch nochmals strukturiert. Nach einer not wendigen Herkunftsbestimmung (S. 19) der Oberflächen werden im Kapitel Design untersichten (S. 31) die, der Disziplin immanenten Oberflächenangelegenheiten verhandelt, eingeleitet durch ein Interview mit Gert Selle. Die Beiträge in Oberflächliche Prägungen (S. 55) setzen sich kritisch mit dem Konditionierungscharakter des Stylings auseinander und zeigen dies in verschiedenen gesellschaftlichen Szenarien auf. Inwieweit Material die Tiefenstruktur von Design determiniert und welche Ressourcenprobleme unter der Oberfläche warten, ist die leitende Frage in der Sektion Material und Tiefenstruktur (S. 85). Dem veränderten Charakter der Dinge als Reduktion auf ihre Oberflächenperformanz wird in Von der Textur zum Interface Rechnung getragen (S. 121). Wie heilsam ein hoher Gegenstandsbezug im Design sein kann, zeigen wir in Vor und hinter der sozialen Oberflä che (S. 143); sind doch alle dort versammelten Beiträge Designforschungen, die sich am konkreten Design-Fall abarbeiten.

Wir hoffen, dass dieses Heft zu einem offenen Diskurs anregt und freuen uns darauf, diesen auch hier und auf www.neuwerk-magazin.com fortzusetzen. Neuwerk wird, so das ehrgeizige Ziel, mit Heften in jährlicher Erscheinungsweise weitergeführt.

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