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Kritik Newcomer: Coolness

 

Cool. Wer benutzt das Wort nicht in seinem täglichen Sprachgebrauch? Von Zeit zu Zeit kommt es wohl den Allermeisten über die Lippen. Doch was ist damit eigentlich gemeint, wenn etwas als „cool“ bezeichnet wird? Von der direkt übersetzten Bedeutung „kühl“ hat sich der Bedeutungsraum schon lange auf andere Bereiche ausgedehnt. Wie schwierig es ist, das, was  „cool“ beziehungsweise „coolness“ meint zu fassen, zeigt sich im Selbstversuch: Überlegen Sie sich einfach kurz, was genau „cool“ ist.

Die bei transcript erschienene Publikation „Coolness“ versucht den Bedeutungsnebel, der den Begriff umgibt, zu lichten. Zwölf Texte, die sich dem Thema aus unterschiedlichen Richtungen nähern sind in diesem Band vereint.

Nach der Einleitung der Herausgeber und dem historisch-analytischen Text Coolness – zur Karriere eines Begriffs von Gabriele Mentges, die sich vor allem mit der Herkunft und Definition des Begriffs auseinandersetzen, gliedert sich der Inhalt in die Bereiche “Das Kino als Medium des Cool”, “Coolness in der klassischen Moderne” und “Coole Kunst nach 1945”. Der Großteil der Autoren kommt aus dem Bereich der Kunstgeschichte und entsprechend sind die Sujets der einzelnen Texte gewählt. Innerhalb dessen bieten die Texte eine große Bandbreite unterschiedlicher Erklärungsversuche:

Die Texte des ersten Abschnitts nähern sich dem Phänomen „coolness“ durch dieAnalyse „cooler“ Charaktere in verschiedenen Filmen (Coole Typen, Rüdiger Zill). So zeigen sie, welche Formen männlicher und auch weiblicher „cooler“ Attitüde das Kino hervorgebracht hat (Femmes fatales, Annika Reich und Laura Bieger). Ein Verständnis für Coolness wird hier vor allem anhand konkreter Beispiele erzeugt (Coolness als filmischer Effekt, Petra Löffler). Schließlich wird auch auf das derzeitige Verschwinden klassischer Coolness aufgrund veränderter Rollenbilder eingegangen (Cool ist out, Annette Geiger).

Eine historische Sicht ist den Texten des zweiten Abschnitts gemein. Von militärischem Drill und verordneter Kaltblütigkeit im 1. Weltkrieg (Avantgardisten im Schützengraben, Nils Büttner) über die Verarbeitung der Erlebnisse im neuen, industriell-modernen städtischen Umfeld durch Drama und Lyrik zum Beispiel bei Bertolt Brecht (Nach der Coolness, Franck Hofmann) bis zur Kunst Anton Räderscheidts, der eben dieses Umfeld in seinen Bildwelten spiegelt (Raumkälte, Architektur und Distanz, Änne Söll).

Der dritte Abschnitt schließlich beschäftigt sich mit der bildnerischen Aufarbeitung der Coolness in unterschiedliche Kunstströmungen. So werden bei Jackson Pollock, Alex Katz, Donald Judd oder auch Andy Warhol – um nur ein Paar der besprochenen zu nennen – unterschiedliche Ausdrucksformen und Wesenszüge der Coolness in der Kunst aufgezeigt. Sowohl Judds als auch Warhols Arbeiten üben in ihrem kühlen, „absichtsvoll sinnlosen“ Gestus „Kritik am Kult des Immerneuen im Zeitalter des Massenkonsums“, wie Jonathan Flatley (zitiert von Sigrid Ruby) feststellt. Sigrid Ruby schreibt weiter: „Die amerikanische Wohlstandsgesellschaft  der 1960er Jahre war mit einer ständig erneuerten Flut von überdeterminierten, Glücksgefühle versprechenden Konsumgütern konfrontiert. Nach Flatley ging es Judd und Warhol gleichermaßen darum Kunstwerke zu machen, die Gefühle nicht repräsentierten, sondern dadurch, dass sie Langeweile provozierten, den zuvor abgestumpften Betrachter erst in die Lage versetzten, Interesse, Emotionen und mentales Engagement zu entwickeln.“ „Coole“ Kunst als Kritik am überhitzten Zeitgeschehen also.

Die Analyse der verschiedenen Strömungen geschieht innerhalb der Texte immer unter Einbeziehung paralleler Entwicklungen und Strömungen wie der Musik der Zeit – Stichwort: Cool Jazz – oder der Literatur. (Birth of the Cool, Gerald Schröder; Kühle Kuben, Sigrid Ruby; Touching from a distance, Antje Krause-Wahl; Empörungsfreie Räume, Christian Janecke)

Eine zentrale Frage, die im Bezug auf das Wesen der „coolness“ innerhalb der Publikation wiederholt auftritt stellt zur Debatte, ob es sich bei „coolness“ lediglich um eine zur Schau gestellte Attitüde, mithin etwas Äußeres, dem eigentlichen Charakter der Person aus unterschiedlichem Grund (Abwehrhaltung, Überlebensstrategie, Gruppenzugehörigkeit…) maskenhaft aufgesetztes oder um eine tatsächliche innere Haltung, mithin einen Wesenszug des jeweiligen Individuums handelt. Spricht für die erste Sichtweise das Wesen der filmischen Charaktere, die ihre jeweilige Form von „coolness“ logischerweise vor allem aus den gezeigten bewusst gewählten Äußerlichkeiten ziehen so tritt die zweite Form wiederum bei den dargestellten Künstler-Akteuren zutage, die nicht nur „cool“ wirken, sondern immanent „cool“ sind – obwohl (oder gerade weil?) sie dem jeweils zeittypisch geltenden Coolnessbegriff entgegen auftreten (womit sie „coolness“ immer wieder neu definieren).

Die Besprechung der Publikation unter dem Gesichtspunkt von Designkritik legt einen Bezug zwischen Design und Coolness nahe: Grundsätzlich, so scheint es, besteht eine große Nähe zwischen dem Design, als einem der wichtigen Urheber des die Bewohner der westlichen Konsumwelt umgebenden Objektkosmos, und der „coolness“ eben dieser Gegenstände. Ist es nicht auch eine Auszeichnung für die Gestaltung, wenn ein Objekt als „cool“ bezeichnet wird? Etwas „Cooles“: Etwas Neues? Etwas Designtes?

Doch ist es für Gestaltung – einem, trotz umfassender kreativer Freiheit, im weitesten Sinne geplanten, zielorientierten Prozess – überhaupt möglich vorsätzlich etwas „Cooles“ zu entwerfen?Die Zuweisung der Eigenschaft „cool“ ist – soviel lässt sich sagen – ein emotionaler Vorgang. Emotionalität ist, mit Funktionalität und wirtschaftlichen Gesichtspunkten, ein wichtiger Aspekt des Designs, eng verknüpft mit der Ästhetik der Gegenstände. Könnte es also sein, das „coolness“ im Designkontext gleichzusetzen ist mit Ästhetik? Werden designte Objekte allein durch die Verwendung einer reduzierten Formensprache zu „coolen“ Gegenständen? Ist unemotionales, unaufgeregt-funktionales Design automatisch „cool“? Ist es nicht ebenso oft langweilig, eben weil unemotional und damit gerade wieder nicht „cool“?

Mit der Einordnung in den emotionalen Bereich bleibt die Eigenschaft „cool“ schwer fassbar. Und so kann die Frage danach, ob es dem Design gelungen ist „coolness“ zu schaffen letztlich nur im Einzelfall, situativ geklärt werden. Übergeordnete Klassifizierungen und Modell sind zwar existent und werden als solche auch in der vorliegenden Publikation benannt, allen gemein ist jedoch, dass sie ihre Gültigkeit meist entweder aus einem Zeitbezug (wie die „coolen“ Charaktere der im ersten Abschnitt des Buches besprochenen Filme) oder kulturellen Bezug (wie bei den im dritten Abschnitt besprochenen Künstlern) erhalten. Mag es dem Design also manchmal durchaus gelingen etwas „cooles“ zu schaffen, eine Garant für ein „cooles“ Objekt ist dessen Design noch lange nicht.

Hier sei an die vorher getroffene Unterscheidung zwischen äußerer und innerer „coolness“ erinnert. Es ist festzustellen: Der „coole“ Gegenstand bleibt – als Objekt und nicht Subjekt – klar auf der Seite des Äußerlichen, der Accessoires, der Artefakte der „coolness“, wenn man so will. Die „coolness“ des authentischen „coolen“ Charakters jedoch speist sich nicht aus derartigen Äußerlichkeiten, sondern aus einer inneren Haltung der jeweiligen Persönlichkeit. „Coole“ Artefakte sind dazu nicht zwingend notwendig. Die Begegnung mit derartiger „coolness“ verleitet zu dem Schluss, dass der Kleidungsstil oder die Einrichtung des Betreffenden den Grund für dessen „coolness“ darstellt. In dieses Horn bläst auch die allgegenwärtige Werbung; immer auf der Suche nach diese Schlussfolgerung suggerierenden, verführerischen Bildern. Wer aber versucht, sich durch Aneignung derartiger Äußerlichkeiten auf die selbe Stufe der „coolness“ zu heben wie das Vorbild wird schnell merken, dass dadurch – wenn überhaupt – nur ein fahler Widerschein eine durchschaubare Kopie und nichts Tragfähiges entsteht.

So sehr das Design es sich aus nachvollziehbarem Antrieb zum Ziel setzt „coolness“ zu liefern, so klar ist, dass Design eben dieses letzte Quäntchen zum „coolen Typen“, dessen „coolness“ aus der Eigenschaft seines Charakters erwächst schwerlich liefern kann. Der Eine ist schlichtweg „cool“ – auch ohne Designerklamotten und Designobjekte – der Andere weniger, all den vermeintlich „coolen“ Artefakten seines Umfeldes zum Trotz.

So bleibt „coolness“ letztlich immer eine Frage von Authentizität. Gerald Schröder geht diesbezüglich in seinem Text auf einen 1949 publizierten Artikel über Jackson Pollock im Life Magazine ein. Er bringt Pollock mit „coolness“ in Verbindung, obwohl „weder Jackson Pollock als Person, noch seine Bilder jemals direkt als cool bezeichnet wurden.“ Pollock widersprach geradezu dem damals gültige Bild von „coolness“, das vielleicht am ehesten mit der „coolness“ eines Bogart in Casablanca zu erklären ist. Gerade dadurch, durch die authentische Erneuerung, ja Neudefinition des Begriffs, wird Pollock zum „coolen“ Charakter, ganz ohne sich der damals zeittypisch mit „cool“ assoziierten modischen Attribute zu bedienen.

Und so wirkt der Versuch etwas besonders „cool“ gestalten zu wollen, ebenso wie der Versuch sich durch Accessoires zur Schau gestellter Äußerlichkeit in die Sphäre der „coolness“ zu heben leider allzuoft entlarvend.

Angesichts der Bandbreite, die hier zutage tritt spricht viel für die durch Christian Janecke in dessen Text getroffene Feststellung: „Unter dem umbrella term ‘Coolness’ und erst recht unter dem noch breiter eingesetzten Adjektiv ‘cool’ versteht man je nach historischem Szenario und je nach Kontext etwas anderes.“

Obwohl, wie es scheint, ein gewisser stillschweigender Konsens darüber besteht, was man im Moment als „cool“ ansieht und was nicht, zeigt sich tatsächlich fassbare „coolness“ meist erst in der Rückschau. 
Diejenigen, die das „cool“ mit Leben füllen und es so fortwährend erneuern kümmert das jedoch herzlich wenig.

Wer also von der Lektüre eine umfassende, allgemeingültige und vor allem kurze und prägnante Definition der Begriffe „coolness“ und „cool“ erwartet wird leider enttäuscht. Doch wie der einleitend angeregte Selbstversuch höchstwahrscheinlich gezeigt hat, handelt es sich bei „coolness“ eben um einen unscharfen Begriff, der einer ständigen Neuausrichtung unterworfen ist.
So erscheint die Herangehensweise, die bei der Auswahl der Texte gewählt wurde nur logisch: Die vielfältige Beleuchtung aus unterschiedlichen Blickwinkeln lässt beim Leser schließlich mosaikartig doch ein besseres Verständnis dessen entstehen, was „coolness“ bedeuten kann. Die eigene Vorstellung von „coolness“ wir hinterfragt und der Horizont erweitert.

So hält das Buch vielerlei Anregungen bereit, wo „coolness“ zu erleben ist: Ob anhand der Charaktere und deren Verhalten in den besprochenen Kinofilmen (die oftmals Lust auf einen nähere Betrachtung machen) oder durch den erneuten Blick auf bekannte Künstler wie Pollock, Katz oder Warhol, die im Zug der Beleuchtung unter Gesichtspunkten der „coolness“ die eine oder andere neue Facette hinzugewinnen. Für den kunsthistorisch weniger interessierten Leser haben einige der Texte zugegebenermaßen ihre Längen, das macht aber nichts, da jeder einzelne Text gut für sich steht und man, dem eigenen Interesse folgend, getrost selektiv lesen kann.
Nach der Lektüre empfiehlt es sich, mit den gewonnenen Eindrücken im Kopf, die „Coolness“ in seinem Umfeld selbst neu zu erforschen, zu suchen, wahrzunehmen – denn wenn sich eines zeigt, dann, dass das was als „cool“ gilt immer situativ und subjektiv ist.

Coolness vom Transscript Verlag

 

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