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Es werden noch Regale gebaut – das Lesikon der visuellen Kommunikation

Das Lesikon von der Berliner Kommunikationsdesignerin Juli Gudehus könnte, wäre es nicht so dick, die ideale Reiselektüre sein. Indessen hätte man am selben Inhalt auf dem “Kindle” aber leider nur halb so viel Spaß an den freien Assoziationen der Autorin und ihren 3513 Co-Autoren. Assoziationen, die sich aus dem Alltag der Visuellen Kommunikation zu einer Tag-Cloud von 9704 Begriffen in liebevoll collagierter Dünndruck-Schwarte vereinen.

Geschlagene neun Jahre hat Juli Gudehus gesammelt, in Beziehung und in Typen gesetzt, was sich in dem 3000-seitigen Schinken des Lesikons versammelt, das eben kein Lexikon ist, sondern wie das Wortspiel ja schon ahnen lässt, etwas anderes. Man wird auch kaum im üblichen Lexikon-Sinne fündig, sondern eher hineingezogen. Man kann nicht aufhören. Das ist vergnüglich und gleicht Fachbegriffe, Aussagen, Lexikoneinträge, verzweifelte Seufzer und triumphierende Momente des gestalterischen Universums miteinander ab.

Hat das Lesikon kritisches Potential? Zunächst schlagen wir nach unter “Kritik”, bei Juli Gudehus ein Kapitel zwischen “verschlimmbessern” und “Hauskorrektur”. Hier hat Juli Gudehus auch selbst einen Eintrag verfasst, zwischen dem das Buch durchziehenden Schmunzeln auf den Punkt bringt, was die kritische Betrachtung von Gestaltungsthemen leisten könnte, wäre sie nur weiter verbreitet: “Sie könnte dazu beitragen, Nichtfachleute, die aber täglich mit unseren Schöpfungen in Berührung kommen, für viele Aspekte zu sensibilisieren. “Visuelle Kommunikation” oder genauer “Visuelle Rhetorik” ist wichtiger und omnipräsenter Kulturbestandteil unserer Gesellschaft und hat sich ein oder zwei Spalten im Feuilleton von Tageszeitungen, in Publikumszeitschriften, durchaus verdient, meine ich.”

Dabei gönnt sich das Lesikon durchaus, zunächst nur für Menschen vom Fach so richtig amüsant zu sein. Kritisches Potential entfaltet das Buch auch dann,
wenn sich in der Vielfalt der Meinungen und Begriffsdefinitionen, der Paarung und Verkettung erschließt, wie Meinungen zueinander im Verhältnis stehen und welche Vorstellungen die Szene der Visuellen Kommunikation so über das Leben hat, mal seicht, mal geliehen, mal selbst ersonnen oder präzise gedacht – Selbstironie über den eigenen Jargon inbegriffen.

Ein Anachronismus ist das Lesikon als Format sicherlich schon zum Zeitpunkt seines Erscheinens, denn dem Digital Native drängt sich beim Lesen ein kleines bisschen die Wehmut eines Abgesangs auf. Ein letztes dickes Buch, das sich allerdings in aufbäumender Pose die inhaltliche Kraft des Hypertextes aneignet. Die leidenschaftliche Liebe zur Buchform teilt sich auch in den mitgelieferten Lesezeichen aus Fundschnipseln, Postwurfsendungen und Streichholzbriefchen mit, die aus dem Buch purzeln. Der Verdienst des Riesenwerkes ist neben aller Seiten- Autoren- und Spaßgigantomanie auch, dass es aufdeckt, dass das Handwerk an der Form eben trotz aller digitalen Kommunikation auch und trotzdem noch die Arbeit am Content ist und wohl noch ein paar Bücherregale gebaut werden müssen.

Sollte in keinem Haushalt fehlen.

 

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